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Die Tontafeln von Ebla
Paolo Matthiae gräbt 1964 die verschwundene Stadt Ebla (Tell Mardich) aus.
Woche um Woche schufteten die Arbeiter unter der heißen Sonne Syriens. Jedes
Jahr wurden sie für zwei Monate von italienischen Archäologen angeworben, deren Leiter
Paolo Matthiae war. Die Arbeiter gruben in dem Hügel, den sie wie schon ihre Väter Tell Mardich nannten.
1964 war hier zum ersten Mal gegraben worden. Weitere Grabungen folgten in den Jahren 1965, 1966 und 1967.
Offensichtlich lag unter dem Hügel eine wichtige Stadt verborgen. Um die
ganze Ausgrabungsstelle herum zog sich ein hoher Wall, die Stadtmauer. Ein
festes Tor im Südwesten gewährte Einlaß. Bei dem Hügel in der Mitte der
Einfriedung grub einer der einheimischen Arbeiter einen behauenen Stein aus. Die
Archäologen fanden noch andere. Es handelte sich um enorme Steinschalen, die
einen großen Tempel geschmückt hatten.
Alle diese Bauwerke gehörten zur mittleren Bronzezeit (2000 bis 1600 v.Chr.).
Doch niemand wußte, um welche alte Stadt es sich wohl handeln könnte. Erst 1968
fand man die Antwort. In der persischen Zeit um 500 bis 400 v.Chr. hatten
Baumeister den Teil einer alten Statue gefunden und als brauchbaren Baustein
wiederverwendet. Auf der Statue stand der Name des Königs, der sie vor mehr als
1000 Jahren hatte anfertigen lassen. Er weihte diese Statue Ischtar, der Göttin
der Liebe und des Krieges, der babylonischen Venus. Neben dem Namen des Königs
stand auch sein Titel: "König von Ebla".
Ebla war der Name einer Stadt, von der die mächtigen babylonischen Könige
Sargon und Naram-Sin behaupteten, sie hätten sie um 2300 und 2250 v.Chr.
erobert. Viele Archäologen hatten seit Jahren nach ihr gesucht. Gewöhnlich
erstreckte sich ihre Suche auf ein Gebiet am Euphrat, 160 Kilometer von Tell
Mardich entfernt. Aber natürlich konnte ein König eine weite Reise unternommen
haben, um in einer anderen Stadt ein Standbild aufzustellen. Das Standbild
allein war also noch kein Beweis dafür, daß es sich beim Tell Mardich um das
alte Ebla handelte.
1975 wurde dann aber der endgültige Beweis erbracht. In einem Gebäude
unterhalb des großen Tempels entdeckte man Abertausende von Keilschrifttafeln,
die den Ort eindeutig identifizierten. Ebla war gefunden!
Die Tafeln lagen aufgestapelt in einem kleinen Raum des Innenhofes. Sie waren das Archiv einer Stadt, die einige Generationen lang im Mittelpunkt der Macht gestanden hatte und dann niederbrannte. In der Hitze der Flammen wurden die Ziegel und auch die Tafeln gebrannt, so daß sie über die Zeiten hinweg erhalten blieben.
Die Übersetzungen zeigten, daß man hier nicht die Palastbibliothek - welche noch auf ihre Entdeckung wartet - gefunden hatte, sondern ein Archiv über Steuern und Abgaben, Gesetzestexte, diplomatische und Handelskontakte, und eine Schreibstube, in der Texte kopiert wurden. Die größeren Tafeln waren ursprünglich in Regalen untergebracht, aus denen sie bei der Zerstörung des Palastes herausgefallen waren. Die Fundstellen der Tafeln erlaubten den Ausgräbern eine Rekonstruktion ihrer ehemaligen Position. Es zeigte sich sehr schnell, daß sie entsprechend ihres Inhalts in den Regalen sortiert gewesen sein mussten. (Wiki)
Die feindlichen Soldaten hinterließen keine Visitenkarten. Da wir aber keinen
Grund haben, die Prahlereien Sargons und Naram-Sins über die Eroberung Eblas
anzuzweifeln, können wir annehmen, daß der Palast in Ebla von der Armee eines
dieser beiden Könige geplündert wurde. Die Soldaten gingen dabei sehr hastig vor
und ließen viele für den Archäologen wichtige Dinge zurück. Teile von steinernen
Statuen in babylonischem Stil sowie mit Gold überzogenes und künstlerisch
geschnitztes Holzwerk, vom Feuer verkohlt, waren auf den Boden gefallen und von
dem einstürzenden Gebäude bedeckt worden.
Ebla kam in die Schlagzeilen, nachdem ein führender italienischer Archäologe
damit begonnen hatte, die Tafeln zu studieren. So wertvoll die anderen
Entdeckungen auch sind, lebendig wurden sie erst durch das überlieferte Wort.
Datenau Namen und Personen erfüllen die staubigen Gegenstände und die zerstörten
Mauern mit Leben. Das erste, was man vom Inhalt der Tafeln erfuhr, war
verblüffend: Die Sprache der ältesten schriftlichen Dokumente, die man je im
nordwestlichen Syrien gefunden hatte, ähnelte mehr dem Hebräischen als dem
Babylonischen.
Dann wurden die Namen einiger Bewohner Eblas bekannt. Unter vielen fremden
Namen gab es einige, die einen sehr vertrauten Klang hatten: Ishmael, Adam, Daud
(David). Manche Namen endeten auf "el", dem Wort für "Gott", und manche auf auf
"ja". War dies eine Namensgestaltung wie bei dein biblisehen Namen "Michael, der
"Wer ist wie Gott?" bedeutet? Oder wie bei dem Namen "Michaja"'? ("Wer ist wie
der Herr?", wobei "ja" eine Abkürzung von Jahwe ist.) War dieses "ja" wirklich
der Name des Gottes Israels?
Ein italienischer Experte sprach sich für diese These aus. Andere
Gelehrte stimmten ihm zu. Der Italiener ging aber noch weiter: Das Gebiet, über das
Ebla herrschte oder in dem es doch zumindest Einfluß besaß, war sehr groß. Es
umfaßte sogar Hazor, Megiddo und Lachisch in Kanaan sowie die Städte Sodom und
Gomorra in der Ebene am Toten Meer.
Einer der Könige Eblas hieß "Ebrium". Könnte dieser Name identisch sein mit
Eber, dem Namen von Abrahams Vorfahren, der in 1. Mose 10,24 erwähnt wird? Oder
war er vielleicht mit dem Wort "Hebräer" gleichzusetzen?
Die Journalisten stürzten sich auf diese Neuigkeiten. Ebla wurde in
Zeitschriften aller Art groß herausgebracht und als "Beweis" für die Bibel
bejubelt. Die Tafeln selber waren von anderen Gelehrten noch nicht untersucht
worden. Alle Informationen stammten von dem einen Gelehrten.
Die Ebla-Tafeln sind in der Tat eine der herausragenden archäologischen
Entdeckungen der siebziger Jahre dieses Jahrhunderts. Bedauerlicherweise
verführte die Menge der Tafeln und ihre Einzigartigkeit den italienischen
Gelehrten aber dazu, übereilte Schlüsse zu ziehen und die gebotene Sorgfalt beim
Umgang rnit einer fremden Sprache außer acht zu lassen. Heute trägt ein
internationales Expertenteam, in dem hauptsächlich Italiener, aber
auch Gelehrte aus Belgien, England, Frankreich, Deutschland, Irak, Syrien und
den USA vertreten sind, die Verantwortung für die Veröffentlichung der ganzen
Sammlung.
Dieses Team hat die meisten der sensationellen Behauptungen als unzutreffend
zurückgewiesen. Kanaanitische Orte werden auf den Tafeln nicht genannt. Ebla
besaß so weit in den Süden reichend keine Verbindungen und ganz bestimmt nicht
mit den Städten in der Ebene am Toten Meer.
Namen mit der Endung "ja" können Kurzformen sein wie bei uns Willi oder Rudi.
Vielleicht muß man die Namen auch ganz anders lesen. In Ebla gab es keinen Gott
"Ja", und es läßt sich auch keine Verbindung zu dem Gott Israels herstellen.
Ein König Ebrium regierte tatsächlich in Ebla. Sein Name könnte auch mit dem
Namen Eber identisch sein. Aber es gibt keinen Grund, ihn mit dem Vorfahren
Abrahams in Verbindung zu bringen. Ein Zusammenhang mit dem Begriff "Hebräer"
ist unwahrscheinlich.
Selbst die Sprache der Tafeln ist einem babylonischen Dialekt ähnlicher als
dem Hebräischen, obwohl manche Bewohner Eblas eine Sprache gebrauchten, die mit
dem Hebräischen verwandt ist.
Zehntausende Dokumente, die an einem Ort geschrieben wurden, von dem man bis
dahin nichts wußte, können den Archäologen manche Kopfschmerzen bereiten. Lange
Jahre der Forschung werden notwendig sein, um alle Fragen zu beantworten. Doch
schon jetzt steht fest, daß die Tafeln ein Beweis dafür sind, daß sich die
babylonische Schrift vor 2300 v.Chr. bis nach Nordsyrien verbreitet hatte. Sie
zeugen auch von der Fähigkeit der Menschen jener Zeit, Ereignisse und Erlasse
jeder Art prompt und zuverlässig schriftlich festzuhalten, Briefe und Literatur
zu verfassen und sogar Wörterbücher für andere Sprachen anzufertigen. Außerdem
beweisen die Tafeln, daß dort bereits in jener frühen Zeit westsemitische Völker
lebten.
Die Überreste von Ebla illustrieren die biblischen Texte unmittelbar. Zur
Zeit der Patriarchen war Ebla eine blühende Stadt. In seinem Grundriß läßt
der große Tempel den salomonischen Tempel mit seiner Vorhalle, dem Heiligen und
dem Allerheiligsten vorausahnen. Die Ausmaße sind jedoch anders.
Eblas Könige wurden in Gräbern bestattet, die unter einem Palast aus
derselben Periode, 1800 bis 1650 v.Chr., gegraben wurden. Räuber hatten die
Begräbnisstätten geplündert, aber einige Schätze waren ihnen entgangen. Zierlich
gearbeitete Goldperlen wurden zu Halsketten aufgereiht. Es gab goldene Armreifen
und ein Zepter mit dem Namen eines Pharao in goldenen Hieroglyphen.
Ein wunderschöner Goldring, bedeckt mit winzigen goldenen Kugeln, hatte die
Nase einer Dame geziert. Man könnte sich vorstellen, daß er dem Ring glich, den
Elieser Rebekka in Haran gab.
Wenn sich die Aufregung über die ersten Berichte wieder gelegt hat, wird man
erkennen, daß Ebla für das Verständnis der frühen syrischen Geschichte eine
wichtige Rolle spielt. Die Ausgrabungen in Ebla vermitteln einen ausgezeichneten
Einblick in das dortige kulturelle Niveau vor und während der Zeit der
Patriarchen. Die Tafeln werden zweifellos die Kenntnisse über die frühen
semitischen Sprachen und dadurch auch des Hebräischen erweitern.
Ebla und seine Geschichte - Ebla im 3. Jahrtausend v.Chr.
Der Name Ebla bedeutet weißer Felsen, und geht auf die Kalkfelsen zurück, auf denen die Stadt erbaut worden war. Die Gegend zeigte Spuren von Besiedlung bereits im 4. Jahrtausend v. Chr., aber der Höhepunkt der Bedeutung der Stadt wurde erst in der zweiten Hälfte des nächsten Jahrtausends erreicht. Eblas erste Blüte liegt zwischen 2400 und 2240 v.Chr.. Sein Name wird in akkadischen Texten von etwa 2300 v. Chr. erwähnt.
Wirtschaft
Zu dieser Zeit war Ebla ein wichtiges Wirtschaftszentrum. Die Tafeln zeigen, daß die Bewohner Eblas über 200.000 Tiere (Schafe, Ziegen und Kühe) besaßen. Das wichtigste Handelsgut der Stadt war vermutlich Holz von den nahegelegenen Bergen, eventuell auch aus dem Libanon, und Textilien, die in sumerischen Texten des Stadtstaates Lagasch erwähnt werden.
Haupthandelspartner war wohl Mesopotamien, insbesondere Kisch, außerdem sind Kontakte mit Ägypten durch Geschenke der Pharaonen Kefren und Pepi I. bekannt. Handwerkswaren mögen ebenfalls ein wichtiges Exportgut gewesen sein: exquisite Gegenstände wurden aus den Ruinen geborgen, wie Ebenholzmöbel mit Perlmuttintarsien und Statuen aus verschiedenfarbigen Steinen. Der Kunststil von Ebla hat möglicherweise das 2350 bis 2150 v. Chr. nachfolgende akkadische Reich beeinflusst.
Politik und Verwaltung
Die politische Gesellschaftsform ist ziemlich unklar, aber die Stadt scheint von einer Handelsaristokratie beherrscht worden zu sein, die einen König wählte und die Verteidigung der Stadt an bezahlte Söldner übertrug. Durch die Keilschrifttafeln wurden die Namen von fünf Königen oder ahnlich hochgestellten Persönlichkeiten überliefert: Igrish-Halam, Irkab-Damu, Ar-Ennum, Ibrium und Ibbi-Sipish. Die Monarchie könnte nach Ibrium erblich geworden sein, da von seinen Söhnen gesagt wird, sie herrschten über nahegelegene Orte.
Religion
Zu dieser Zeit wurden in Ebla einige bekannte (Dagon, Ishtar, Resheph, Kanish, Hadad) und einige unbekannte (Kura, Nidakul) semitische Gottheiten verehrt, daneben einige sumerische (Enki, Ninki) und hurritische Götter (Ashtapi, Hapat, Ishara).
Die Zerstörung von Ebla
Sargon von Akkad und sein Enkel Naram-Sin, die Eroberer großer Teile Mesopotamiens, behaupten beide von sich, Ebla zerstört zu haben; das exakte Datum der Zerstörung ist Gegenstand andauernder Forschung, aber 2240 v. Chr. ist ein möglicher Kandidat. Für die nächsten drei Jahrhunderte blieb Ebla eine kleine Siedlung unter der Kontrolle der nahe gelegenen Stadt Urshu.
Ebla im 2. Jahrtausend v. Chr.
Einige Jahrhunderte nach der Zerstörung durch die Akkadier erreichte Ebla einen Teil seiner Bedeutung wieder und erlebte eine zweite Blüte von etwa 1850 bis 1600 v.Chr. Seine Bewohner wurden als Amoriter bezeichnet deren erster König Ibbit-Lim war.
Ebla wird in Texten aus Alalakh von etwa 1750 v. Chr. erwähnt. Die Stadt wurde durch den hethitischen König Mursillis I. oder Hattusilis I. in der turbulenten Zeit von 1650 bis 1600 v. Chr. zerstört.
Ebla erholte sich nie wieder von dieser zweiten Zerstörung, existierte aber weiter bis ins 7. Jahrhundert und blieb danach bis zu seiner Ausgrabung verlassen und vergessen.
Literatur
A. Millard, Schätze aus biblischer Zeit, Brunnen-Verlag, 1986, ISBN 3-7655-5762-5 (vergriffen)
Internet
http://de.wikipedia.org/wiki/Ebla
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