Home | Theologische Linksammlung | Downloads MENÜ -> Biblische Archäologie | NEUES | Webmaster

Die Tontafeln von Ras Schamra

Die archäologischen Funde von Ugarit/Ras Schamra durch Claude Schaeffer.


Ein Bauer stieß beim Pflügen seines Feldes auf einen großen Stein. Als er ihn wegschleppte, entdeckte er einen Gang, der zu einer unterirdischen Kammer führte. Es war ein frühgeschichtliches Grab, das noch vollständig erhalten war. Der Bauer nahm alles heraus, was er finden konnte, und verkaufte es an einen Händler.

Die Nachricht über die Entdeckung aber wurde bekannt und gelangte auch zu dem zuständigen Beamten der staatlichen Altertümerverwaltung. Er schickte einen seiner Mitarbeiter, der sich das Grab ansah. Sein Bericht, ältere, schon vorhandene Studien über die Gegend und Geschichten der Einheimischen, daß hier vor langer Zeit einmal eine große Stadt gestanden habe, führten zu der Entscheidung, Ausgrabungsarbeiten durchzuführen.

Das ist der fast klassische Weg, auf dem große Entdeckungen gemacht werden - und genau das war auch hier der Fall.

Hier in Syrien, an der Mittelmeerküste, nördlich der Hafenstadt Lattakia, machte im Jahr 1928 der Bauer seine Entdeckung. Damals verwalteten die Franzosen das Land, und so war es auch ein französisches Team, das 1929 unter Leitung von Claude Schaeffer mit den Grabungen begann. Mit einer Unterbrechung von 1939 bis 1948 wurden dort fast in jedem Jahr Forschungsarbeiten durchgeführt, die bis heute noch nicht abgeschlossen sind.

Unter dem Acker des Bauern lagen die Ruinen einer Hafenstadt. Hier gab es die Häuser und Arbeitsstätten der Kaufleute (die Gräber dieser Menschen befanden sich unter dem Fußboden der Häuser) sowie die Kontore und Lagerhäuser eines geschäftigen Hafens. In den Ruinen lagen Hunderte von Keramikschalen, Kannen und Vasen. Darunter auch einige ausländische Stücke, die aus Zypern, Kreta oder den griechischen Inseln importiert worden waren. Kontakte zu Ägypten zeigten sich an der Gestaltung von Äxten aus Bronze und Kosmetikkästen aus Elfenbein. Der Ort war auf einen Schlag vollständig verlassen worden. Die Gebäude zerfielen im Laufe der Jahrhunderte und wurden von einer wenige Zentimeter dicken Schicht Erde zugedeckt. Nach der Form und Verzierung der gefundenen Keramikwaren schätzte Schaeffer, daß die Hafenstadt zwischen 1400 und 1200 v.Chr. bewohnt wurde.

Die Ausgrabungsstelle war sehr ergiebig. Ihre reichen Funde wurden zu lohnenden Studienobjekten. Trotzdem wechselte Schaeffer nach nur fünfwöchigen Grabungen zu einem Tell, 1.200 Meter landeinwärts, von wo aus man auf den Hafen hinunterschauen konnte. An dieser Stelle hatte man nach dem Bericht von Einheimischen goldene Gegenstände und kleine geschnitzte Steine gefunden. Der Tell war ein bis zu achtzehn Meter hoher Schutthügel. Er erstreckte sich über ein Gebiet von zwanzig Hektar. Heute nennt man ihn Ras Schamra.

Die Grabung begann am höchsten Punkt des Hügels. Bald legte man die Mauern eines großen Bauwerks frei. Sorgfältig behauene Steinblöcke bildeten die Mauern. Innen fand man Teile von Steinskulpturen. Auf einem dieser Bruchstücke stand der Name eines ägyptischen Pharao, auf einem anderen eine in ägyptischer Sprache geschriebene Widmung an den Gott "Baal von Sapon". In der Nähe des Gebäudes hatte ein aus Stein gefertigter Schrein mit dem Bild des Sturmgottes Baal gestanden. Diese Gegenstände deuteten zusammen mit dem Grundriß des Bauwerks daraufhin, daß es sich hier nicht um ein Haus oder einen Palast handelte, sondern um einen Tempel, der vermutlich dem Gott Baal geweiht war.

Östlich vom Tempel befanden sich Mauern und Säulen eines herrschaftlichen Hauses. Es hatte einen offenen Innenhof, um den herum sich Räume mit gepflastertem Fußboden gruppierten. Eine steinerne Treppe läßt vermuten, daß es ein oberes Stockwerk gegeben hat. Unter einer Türschwelle fand man vierundsiebzig Werkzeuge und Waffen aus Bronze: Schwerter, Pfeilspitzen, Äxte und einen Dreifuß, verziert mit Granatäpfeln, die an einer Schleife herabhingen (wie die Verzierungen am Gewand des israelitischen Hohenpriesters, 2. Mose 28,33.34).

In einem Zimmer dieses Hauses gelang Schaeffer 1929 die allerwichtigste Entdeckung. Auf dem Boden lagen viele Keilschrifttafeln. Glücklicherweise war der Direktor der Altertümerverwaltung, Charles Virolleaud, ein Fachmann für babylonische Sprachen. Er erkannte sofort, daß einige der Tafeln Verzeichnisse von Worten waren, die zur babylonischen Sprachgruppe gehörten. Aber nicht alle Tafeln waren in babylonischer Sprache geschrieben.

Die Keilschrift auf achtundvierzig Tafeln war unbekannt. Virolleaud fertigte Zeichnungen davon an, die noch vor Ablauf eines Jahres nach dem Fund veröffentlicht wurden. So konnten auch andere Gelehrte darüber rätseln. Virolleaud, einem weiteren französischen Experten mit Namen E. Dhorme und einem deutschen Fachmann, Hans Bauer, gelang schließlich die Entzifferung.

Die Gelehrten arbeiteten unabhängig voneinander und trugen die Ergebnisse ihrer Forschung zusammen. Gemeinsam gelang es ihnen, die Bedeutung von dreißig Schriftzeichen festzustellen.

Die Sprache auf den Tafeln nannte man Ugarit - nach dem früheren Namen der Stadt. Bei fast jeder Grabung wurden neue Tafeln entdeckt. Heute gibt es mehr als 1.500 Stücke in ugaritischer Schrift und außerdem viele in babylonischer Sprache.

Mit der Entdeckung der Dokumente begannen Geschichte und Kultur der Stadt lebendig zu werden. Voller Begeisterung begann Schaeffer mit weiteren Grabungen an anderen Stellen des Hügels. Überall lagen die Ruinen dicht unter der Erdoberfläche.

An einer Stelle fand man Häuser und Werkstätten von Webern, Steinmetzen, Schmieden und Juwelieren, in denen viele Werkzeuge und Handwerksarbeiten lagen, und zwar genau dort, wo ihre Besitzer sie hatten fallenlassen, als Feinde die Stadt in Brand setzten. In anderen Teilen standen vornehme Häuser für die Reichen von Ugarit. Manche hatten ihre eigenen Archive mit Keilschrifttafeln.

Die märchenhaften Schätze, von denen die Einheimischen erzählten, wurden tatsächlich gefunden. Einige Häuser bargen Gold- und Silberschmuck sowie Kupferstatuetten von Göttern und Göttinnen, die mit Gold überzogen oder verziert waren. Eine Grabung 1933 brachte eine Schüssel und eine Sehale aus Gold mit reliefförmig herausgearbeiteten, kunstvollen Mustern zum Vorschein. 1960 entdeckte man weitere Schalen aus Silber und Gold.

Das beeindruckendste Gebäude von Ugarit war der königliche Palast. Wie die übrige Stadt war auch er den Flammen zum Opfer gefallen. Obwohl vom Bauholz nichts übrigblieb, standen die Mauern noch bis zu einer Höhe von zwei Metern, manche sogar noch höher.

Ein "Treppeneingang mit zwei Säulen, auf denen der Fenstersturz ruhte, führte in eine kleine Vorhalle und von dort aus in einen großen Hof. Hier spendete ein Brunnen Wasser, so daß sieh die Besucher waschen konnten, ehe sie vor den König traten. In den Boden war ein Steinbecken eingelassen, wo den Besuchern Wasser über Hände und Füße gegossen wurde; ein Abfluß leitete das Wasser ab.

In den etwa zwei Jahrhunderten seiner Existenz hatte ein König nach dem anderen dem Palast weitere Höfe und Zimmerfluchten zugefügt. Die Archäologen erkannten zwölf 'verschiedene Bauabschnitte. In einer relativ späten Periode wurde in einem Hof ein Garten angelegt und in einem anderen ein großer flacher Teich, in dem möglicherweise Fische gezüchtet wurden. Mehrere Räume dienten als Archiv.

Keilschrifttafeln in babylonischer und ugaritischer Sprache berichten von den täglichen Regierungsgeschäften; manche Tafeln über Auslandsangelegenheiten, über Verträge mit benachbarten Königen oder über Verträge, die von den Hethitern auferlegt wurden. Es gab sogar einen Bericht über den Gerichtsprozeß gegen eine ausländische Prinzessin. Sie war mit einem König von Ugarit verheiratet und wurde vermutlich wegen Ehebruchs hingerichtet.

Ausländische Prinzessinnen brachten reiche Mitgift nach Ugarit, die sorgfältig auf bestimmten Tafeln verzeichnet wurde. In dem Palast fand man einige der verzeichneten Möbelstücke. Ein Bett hatte ein Kopfteil aus Elfenbein. In das Elfenbein waren Tiere und Jagdszenen eingeschnitzt sowie Bilder von dem König und der Königin, die sieh umarmen. Links und rechts von diesen Bildern sieht man die Gestalt einer Göttin, die zwei junge Götter stillt. Man fand einen runden Fisch mit einer komplizierten Einlegearbeit aus Elfenbeinschnitzereien, die Phantasietiere, Sphinxe und geflügelte Löwen darstellen.

Die Beine anderer Möbelstücke bestanden aus Elfenbein, die Löwentaten und Löwenbeinen nachempfunden waren. Ein ganz außergewöhnlicher Fund besteht aus dem Stoßzahn eines Elefanten. Er diente als Träger für ein Möbelstück und ist in Form eines Menschenkopfes geschnitzt - vielleicht das Bildnis eines Königs oder einer Königin von Ugarit.

Ugarits Reichtum gründete sich auf den Handel. Zu dieser Stadt führte die Straße, die von Babylon den Euphrat entlang zum Mittelmeer führte. Von Ugarit aus segelten Schiffe nach Zypern und Kreta, zur Südküste der Türkei und an der Küste von Kanaan entlang nach Ägypten. Es ist also verständlich, daß Einflüsse aus all diesen Regionen in der Kunst und Kultur von Ugarit erkennbar sind.

Am deutlichsten sind sie in den gefundenen Schriften festzustellen. Neben Babylonisch und Ugarit wurde auch Hethitisch und Hurritisch in Keilschrift geschrieben. Ägyptisch erscheint auf Metall und Stein (und wurde sicherlich noch häufiger für die Niederschrift auf Papyrus verwendet). Auch die hethitischen Hieroglyphen und die Silbenschrift von Zypern fand man in Ugarit.

Der Pflug des Bauern öffnete den Weg zu den märchenhaften Schätzen in den Ruinen von Ugarit. Obwohl die Stadt außerhalb der Grenzen von Kanaan liegt, gibt sie ein eindrucksvolles Bild von dem blühenden Leben in Kanaan vor Ankunft der Israeliten.


Quellen

A. Millard, Schätze aus biblischer Zeit, Brunnen-Verlag, 1986 (vergriffen)



Weitere Ressourcen

Rash Shamra ERSP The Edinburgh Ras Shamra Project



| zum Textbeginn |


Copyright (C) 2003 by A. Millard. Alle Rechte vorbehalten.
Dieses Papier ist ausschließlich für den persönlichen Gebrauch bestimmt.
URL: http://www.theologische-links.de/downloads/texte/ras_schamra_schaeffer_tontafeln_funde.html
Ins Netz gesetzt am 30.10.2003; letzte Änderung: 15.08.2018

Home | Theologische Linksammlung | Downloads MENÜ & Biblische Archäologie | Webmaster