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Das "Taylor-Prisma"

Der Bericht über Sanheribs Belagerung von Jerusalem
(vgl. 2. Könige 18)

Das Prisma

In einer Vitrine im Britischen Museum in London wird ein Lehmprisma aufbewahrt. Auf jeder seiner sechs Seiten befindet sich, Zeile um Zeile, eine saubere Keilschrift. Dieses unscheinbar aussehende, etwa 37,5 cm hohe Stück Keramik ist eine von vielen Inschriften, die über die Siege des Königs Sanherib berichten, der von 705 bis 681 v.Chr. Assyrien regierte. Der britische Botschafter in Bagdad, ein Oberst Taylor, erwarb es 1830 in Ninive. 1855 kam das Stück in den Besitz des Museums, wo es unter dem Namen "Taylor-Prisma" bekannt wurde.


Die assyrischen Könige und ihre Annalen

Die assyrischen Könige ließen solche Berichte schreiben, um sie dann in die Fundamente der Tempel, Paläste und Stadttore, die sie bauten oder erneuerten, einzumauern. Sie hofften, daß ihre Nachfolger sie finden, lesen und dann erkennen würden, welch großartige Männer sie gewesen waren. Auf diese Weise sollte die Erinnerung an Könige wie Sanherib lebendig gehalten werden. Das erklärt auch den Ton der Inschriften. Sie klingen prahlerisch, hochfahrend und berichten über nichts anderes als die Tapferkeit des Königs, seine Siege, die Feinde, die er getötet und die Beute, die er heimgebracht hat.

Eine genauere Untersuchung läßt allerdings vermuten, daß die Könige nicht ganz die ruhmsüchtigen, großsprecherischen Imperialisten waren, die sie nach diesen Berichten zu sein scheinen. Sie rechtfertigen ihre Kriege häufig mit der Behauptung, daß ihr Gott sie ihnen befohlen habe. Oft mußten sie Aufstände niederschlagen. Auch Sanherib führte all die Kriege, die das "Taylor-Prisma" beschreibt, aus diesem Grund.

Einer der Könige, die Sanherib angriff, war Merodak-Baladan, der König von Babylon. Zu schwach, um sich dagegen wehren zu können, hatte er Assyriens Herrschaft hinnehmen müssen. Aber als Sanherib König wurde, verbündete er sich mit den östlichen Feinden Assyriens. Er bemühte sich auch, die Unterstützung aller anderen Vasallenkönige Assyriens zu gewinnen; u.a. die des Königs Hiskia von Juda, ganz weit im Westen.

In der Bibel berichtet das Buch der Könige (2. Könige 20,12-13), wie Hiskia die Boten Merodach-Baladans mit allen Ehren empfing. Ihr Besuch mag ein Grund dafür gewesen sein, daß Hiskia sich gegen Assyrien erhoben hatte. Um diese Rebellion Hiskias niederzuschlagen, marschierte Sanherib nach Westen.


Sanheribs Bericht über sein Feldzug nach Westen

Der assyrische König berichtet, wie er im Jahre 711 v.Chr. an der Mittelmeerküste entlangzog und auf diesem Wege mehrere Königreiche unterwarf. Schließlich erreichte er das südwestlich von Israel und Juda gelegene Gebiet der Philister.

Nur einer, der König von Askalon, weigerte sich, Assyriens Oberhoheit anzuerkennen. Also setzte Sanherib ihn ab und deportierte ihn mit seiner ganzen Familie nach Assyrien. An seiner Stelle wurde nun ein Mann zum König ernannt, der Askalon schon einmal unter assyrischem Schutz regiert hatte.

Auch eine andere Philisterstadt, Ekron, wollte sich nicht beugen. Führende Bürger hatten ihren assyrienfreundlichen König gefangengenommen und ihn in Jerusalem König Hiskia von Juda übergeben. Die Rebellen riefen Ägypten zu Hilfe, aber die assyrische Armee gewann die Schlacht bei Elteke und Ekron wurde besiegt. Sanherib ließ die Anführer des Aufstandes hinrichten und warf ihre Helfer ins Gefängnis. Die übrigen aber verschonte er. Dann setzte er den König, der in Jerusalem gefangengehalten worden war, wieder auf den Thron.

Anders als die Inschriften Sanheribs erkennen lassen, dürfte die Befreiung des Königs von Ekron erst nach Abschluß des letzten Abschnittes des Feldzuges stattgefunden haben.

Ein anderer Rebell wollte sich dennoch nicht beugen. Hiskia von Juda, offensichtlich einer der Anführer des Aufstandes, harrte in seiner Hauptstadt Jerusalem aus. Sanherib überrannte ganz Juda und umzingelte die Stadt. Auch davon erfahren wir in seinem Bericht.

Es gib mehrere bemerkenswerte Punkte. Obwohl die assyrischen Truppen die Stadt so einkreisten, daß niemand hineingelangen oder herauskommen konnte, ist von einem Angriff auf die Stadt nicht die Rede, wie das bei den "vierundsechzig mit starken Mauern befestigten Städten" oder bei anderen Rebellenstädten geschah. Sanherib behauptet, daß Hiskia sich geschlagen gab und ihm einen hohen Tribut zahlte. Dennoch erwähnt er nirgendwo, daß seine Soldaten in Jerusalem eindrangen, noch daß er selber Hiskia begegnete.

Die überraschendste Tatsache kommt am Schluß. Hiskia schickte seine Boten und den gesamten Tribut an Sanherib "später, nach Ninive". Das heißt also: Die assyrische Armee konnte diese Abgaben nicht wie üblich im Triumphzug nach Hause führen.


Sanheribs Feldzug und die Bibel

Diese Episode ist auch aus dem Alten Testament bekannt. Sie wird zweimal in aller Ausführlichkeit berichtet, nämlich in 2. Könige 18 und Jesaja 36 und 37 (sowie in der Zusammenfassung in 2. Chronik 32). Liest man die Ausführungen der Bibel neben dem Sanherib-Bericht, so lassen sich etliche Unterschiede feststellen. Dennoch sprechen beide eindeutig von demselben Ereignis. Die Unterschiede überraschen auch nicht, weil die Berichte von Gegnern verfaßt sind. Außerdem ist es nicht unbedingt so, daß beide der tatsächlichen Reihenfolge der Ereignisse folgen.

Nach Aussage der hebräischen Geschichtsschreiber bedrohte Sanherib Jerusalem. Er wollte die Bürger dahin bringen, die Stadttore zu öffnen und Hiskia zur Aufgabe der Stadt zu zwingen. Jerusalem aber blieb standhaft. Durch den Propheten Jesaja hatte Hiskia Gottes Zusicherungen, die ihn zu weiterem Widerstand ermutigten. Also gab er nicht auf!

Ein bekannter Vers gibt die Erklärung des hebräischen Geschichtsschreibers wieder:

"Und in dieser Nacht fuhr aus der Engel des Herrn und schlug im Lager von Assyrien 185.000 Mann. Und als man sich früh am Morgen aufmachte, siehe, da lag alles voller Leichen. So brach Sanherib, der König von Assyrien, auf und zog ab, kehrte um und blieb zu Ninive". (2. Könige 19,35.36).

Was genau geschah, läßt sich nicht feststellen. Es gibt keinen Grund dafür, an diesem Bericht über eine Katastrophe zu zweifeln, die zum plötzlichen Ende des assyrischen Feldzuges führte. Daß Sanherib einen solchen Fehlschlag nicht berichtete, ist nur zu verständlich.

Eine plötzliche Dezimierung seiner Armee, die zu einem schnellen Rückzug führte, würde allerdings erklären, weshalb Sanherib sich nicht rühmen konnte, Jerusalem erobert zu haben, und weshalb er Hiskias Unterwerfung erst durch Botschafter in Ninive erhielt.

Auch noch eine andere Tatsache läßt vermuten, daß es Sanherib nicht gelang, Jerusalem zu erobern: In seinem Palast in Ninive war ein Zimmer mit Steintafeln geschmückt, die den Feldzug gegen Juda darstellen. Unter anderem ist die Eroberung einer Stadt zu sehen, bei der es sich aber nicht um Jerusalem, sondern um die weiter südlich gelegene Feste Lachisch handelt. Hätten die Assyrer die Hauptstadt Jerusalem erobert, dann wäre das mit großer Wahrscheinlichkeit auf den Wänden dargestellt worden. Statt dessen wird Lachisch diese "Ehre" zuteil.

Sanheribs "Taylor-Prisma" und seine Parallelberichte geben gerade durch ihre andere Sicht ein außerordentlich umfassendes Bild von einer Zeitspanne der hebräischen Geschichte. Sie sind sehr wertvoll für das Verständnis der biblischen Texte, und es ist sehr interessant zu beobachten, auf welche Weise sie mit dem biblischen Text übereinstimmen.


Der Text des Taylor-Prismas

So lautet die Übersetzung des Berichtes, in welchem Sanherib die Nachwelt über seinen Angriff auf Juda informierte:

"Und Hiskia vom Lande Juda, der sich meinem Joch nicht gebeugt hatte, 46 seiner festen Städte, mit Mauerm versehene, und die kleinen Städte in ihrer Umgebung, ohne Zahl, durch Niedertreten mit Bohlenbahnen und durch Ansturm mit Belagerungsmaschinen, durch den Kampf der Fußtruppen, durch Einbruchsstellen, Breschen und Mauerbrecher, belagerte und eroberte ich sie. 200.150 (vermutbar: 21.500) Leute, jung und alt, männlich und weiblich, Rosse, Maultiere, Esel, Kamele, Rinder und Kleinvieh ohne Zahl führte ich von ihnen heraus und rechnete sie als Beute. Ihn selbst, wie ein Käfigvogel, inmitten der Stadt Jerusalem, der Stadt seines Königtums, schloß ich ein. Befestigungen gegen ihn warf ich auf, und den aus dem Tore seiner Stadt Herauskommenden vergalt ich ihre Übertretung. Seine Städte, welche ich geplündert hatte, aus der Mitte seines Landes trennte ich sie ab, und dem Mitinti, König der Stadt Asdod, dem Padi, König der Stadt Ekron, und dem SilBel, König der Stadt Gaza, gab ich sie und verminderte sein Land. Zu dem früheren Tribut, der Abgabe ihres Landes, fügte ich eine Abgabepflicht als Geschenk für meine Herrschaft hinzu und legte sie ihnen auf.

Ihn, den Hiskia, die Furcht vor dem Glanz meiner Herrschaft überwältigte ihn und die Araber und seine guten Truppen, die er zur Verstärkung der Stadt Jerusalem, der Stadt seines Königtums, hatte hereinkommen lassen - verließen ihn. Außer 30 Talenten Gold, 800 Talenten Silber, Edelsteinen, Schminke, Daggassu-Steinen, großen Lapislazuli-Steinen, Betten aus Elfenbein, Thronsesseln aus Elfenbein, Elefantenhaut, Elefantenzähnen, Ahornholz, Buchsbaumholz, allerlei wertvollen Schätzen, seine Töchter und Palastfrauen, Sänger und Sängerinnen ließ er nach Ninive, der Stadt meiner Herrschaft, mir nachbringen, und zur Abgabe des Tributs und zur Erklärung der Botmäßigkeit schickte er seinen Gesandten."

Quellen

A. Millard, Schätze aus biblischer Zeit, Brunnen-Verlag, 1986, ISBN 3-7655-5762-5 (vergriffen)

Taylor-Prism



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Ins Netz gesetzt am 19.09.2004; letzte Änderung: am 09.06.10

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