Wenn die Lust schlafen geht

Dieser Artikel ist ausschließlich für Ehepaare gedacht!!

von Karl-Heinz Espey [ 1 ]



Der Sexualwissenschaftler Gunter Schmidt schreibt in seinem Buch „Das Verschwinden der Sexualmoral“: „Landauf, landab in allen westlichen Industriegesellschaften vermelden diejenigen, die sich mit Beratung und Behandlung sexueller Störungen befassen, eine starke Zunahme der Klage: ‘Ich habe keine Lust.’ Bei den Frauen, die unsere Abteilung wegen sexueller Probleme aufsuchen, stieg der Prozentsatz der Lustlosen von knapp 10% Mitte der siebziger Jahre auf knapp 60% heute. Bei den Männern ist der Anstieg weniger dramatisch, aber deutlich, von etwa 5% auf 15%.“

Aufgrund meiner Erfahrungen in der Eheberatung habe ich den Eindruck, daß diese Beobachtung zunehmender Lustlosigkeit auch auf christliche Ehen zutrifft. Obwohl sich die Ehepartner als Kinder Gottes verstehen, der sie männlich und weiblich, also als sexuelle Wesen geschaffen hat, ist bei vielen von ihnen die sexuelle Gemeinschaft eher problembehaftet.

Ich möchte zuerst ein Lob auf die Sexualität anstimmen, indem ich die Bibel zu Wort kommen lasse, die als Orientierung und hilfreicher Leitfaden für unsere vielfältigen Lebensbezüge gilt.



1. Ein Lob auf die Sexualität...

...in der Genesis

In 1. Mose 1 steht eine kurze, aber großartige Aussage über die Bedeutung der menschlichen Sexualität. Der Bericht beginnt damit, daß Gott durch sein Schöpferwort das Universum schafft. „Gott sagte: Es werde. Und es wurde.“ Und das, was geworden ist, Gottes Schöpfung, ist gut.

Die Menschen sind der Gipfel der göttlichen Schöpfung. Ihre Entstehungsgeschichte unterscheidet sich deutlich von der übrigen Schöpfung. Wir sind Gottes Abbilder, ihm ähnlich. Auffällig ist, wie eng unsere Sexualität mit diesem Abbild Gottes verbunden ist: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau“ (Gen 1, 27). So fremd uns das auch vorkommen mag, die Fähigkeit zu lieben und geliebt zu werden, das Mann- und Frausein - die Sexualität - ist eng verbunden mit unserer Erschaffung als Abbild Gottes. Damit bekommt die Sexualität einen hohen Wert und darf dementsprechend ins Leben integriert werden: als ein wertvolles Geschenk, mit dem Gott das Miteinander von Mann und Frau bereichern möchte.

Sexualität ist viel umfassender als wir allgemein annehmen. Das Problem der Sexshops, Peepshows, pornographischen Filme und sonstigen Produkte des Sex-Marktes ist nicht, daß sie die Sexualität zu stark, sondern zu einseitig betonen, indem sie sie auf Busen, Scheide und Glied begrenzen. Sie lösen die Sexualität aus der Beziehungsebene. Bei Kerzenschein und Musik ein Glas Wein trinken, einander liebevoll ansehen, gute Worte sagen, zärtlich zueinander sein, auch das und vieles mehr gehört zur Sexualität. Selbstverständlich ist genitaler Sex, die körperliche Vereinigung, ein Teil des Ganzen, ein wesentlicher sogar, aber eben nur ein Teil. Wer diesen aus der Gesamtheit der Beziehung zwischen Mann und Frau herauslöst, mindert dessen Wert und wird spätestens dann den großen Frust erleiden, nachdem er alle sexuellen Spielarten durchprobiert hat und immer noch unbefriedigt ist.

Um ihre gegenseitige Abhängigkeit zu betonen, bildete Gott Eva aus Adams Rippe. „Eva ist“, so drückte Adam es aus, „Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch.“ Die beiden waren eine Einheit; ineinander verwoben, voneinander abhängig, miteinander verflochten, ein Fleisch, und „obwohl sie nackt waren, schämten sie sich nicht voreinander“ (Gen 2, 25). Hier wird das Zusammenleben eines Paares beschrieben, dessen Sexualität vollständig in sein Leben integriert war. Adam und Eva empfanden keinerlei Scham, weil sie heil waren. Sie lebten in organischer Einheit mit sich und der ganzen Schöpfung.

In der Schöpfungsgeschichte sehen wir, wie Mann und Frau sich zueinander hingezogen fühlen, nackt und ohne Vorbehalte. Ihr Mannsein und ihr Frausein sind von Gott gemacht. Sie sind aufeinander bezogen, und sie lieben sich. Warum sollten sie sich schämen? Daß Adam und Eva irgendwann emotional oder sexuell auf Abstand gegangen sein könnten, ist kaum vorstellbar, zumindest nicht vor dem Sündenfall.



... im Hohenlied

Ein Lob auf die Sexualität wird auch im Hohenlied Salomos angestimmt. Der Theologe Karl Barth nannte das Hohelied einen ausgedehnten Kommentar zum eben zitierten Vers aus der Schöpfungsgeschichte: „Die beiden waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander.“ Nirgendwo anders in der Bibel wird die menschliche Sexualität derart überschwenglich gefeiert, um das Besondere des Miteinanders zweier Liebender zu beschreiben: „Stärkt mich mit äpfeln, mit Rosinenkuchen, denn Liebessehnsucht hat mich krank gemacht“ (2, 5). An einer anderen Stelle beschreibt der Verfasser, wie die Frau im Bett liegt und nach ihrem Liebsten verlangt. Sie steht mitten in der Nacht auf, irrt durch die verlassenen Straßen und sucht den, „den meine Seele liebt“ (3, 2). Sie fragt sogar die Wächter: „Wo ist mein Liebster, habt ihr ihn geseh’n?“ Endlich findet sie ihn. Und dann: „Ich halt’ ihn fest und laß’ ihn nicht mehr los; ich nehm’ ihn mit nach Hause in die Kammer, wo meine Mutter mich geboren hat.“ Schließlich die Erfüllung: „Nur ihm, meinem Liebsten, gehör’ ich, und mir gilt sein ganzes Verlangen! Komm, laß uns hinausgehen, mein Liebster, die Nacht zwischen Blumen verbringen! Ganz früh steh’n wir auf, geh’n zum Weinberg und seh’n, ob die Weinstöcke treiben, die Knospen der Reben sich öffnen und auch die Granatbäume blühen. Dort schenke ich dir meine Liebe“ (7, 11-13). Eine wunderschöne, offenherzige Beschreibung intensiver Liebe mit Leib und Seele, ohne Vorbehalte, ohne Scham, fast zu schön, um wahr zu sein, wie aus einer anderen Welt; ein uneingeschränktes Lob auf die Sexualität.

Wie ganz anders stellt sich hingegen die Realität zahlreicher Paare dar. Sie sind Ehepaare, Elternpaare, aber keine Liebespaare. Sie arbeiten zusammen, stellen etliches auf die Beine, ihre Kinder geraten mehr oder weniger gut. Aber es fehlt die erotische Anziehungskraft. Dementsprechend ist ihre sexuelle Vereinigung zwar gewollt und gewünscht, aber oftmals unbefriedigend.

Was ist geschehen, und welche Faktoren trugen dazu bei, daß für zahlreiche Paare die Lust zur Last wurde oder sogar eingeschlafen ist?



2. Lusthemmer

Überhöhte Ideale

Mit dem Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert veränderte sich die Gestalt der Familie. Die Großfamilie, bestehend aus mehreren Generationen, wurde zunehmend von der bürgerlichen Kleinfamilie abgelöst. Damit gingen dramatische Veränderungen des familiären Klimas einher: Es „erwärmte sich“, wie der Familienhistoriker Edward Shorter es formulierte. Diese Erwärmung, sprich: Emotionalisierung des Familienlebens kann an vier Idealen festgemacht werden:

Erstes Ideal: Häuslichkeit - die Familie soll ein warmes Nest sein, das alle, die dazugehören, vor der feindlichen, kalten Arbeits- und Umwelt abschirmen soll.

Zweites Ideal: Romantische Partnerwahl - Partner werden aus Zuneigung und Liebe, nicht aus wirtschaftlichem Nutzen gewählt.

Drittes Ideal: Gattenliebe - die dauerhafte Liebe zwischen Mann und Frau ist Grundlage für die Aufrechterhaltung der Ehe.

Viertes Ideal: Elternliebe - Kinder sollen nicht mehr beiläufig, sondern in liebevoller, inniger, fürsorglicher Beziehung zu ihren Eltern aufwachsen.

Unter den Emotionen, die die Ehepartner binden sollen, spielte die Sexualität in der bürgerlichen Kleinfamilie des 19. Jahrhunderts eine Nebenrolle. Sie diente vor allem der Fortpflanzung und dem geregelten Spannungsabbau der Männer. Frauen ohne oder mit geringen sexuellen Bedürfnissen galten als ideale Ehefrauen.

Diese Zuordnung der Sexualität änderte sich allmählich und erfuhr mit dem Beginn der sogenannten sexuellen Revolution in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Revolutionierung. Seitdem gilt ein befriedigendes Sexualleben als eine wesentliche Grundlage von Liebesbeziehungen; mit anderen Worten, Sexualität ist besonders intensiv und erfüllend, wenn sie in Liebe geschieht, und die Liebe zweier Menschen braucht den sexuellen Ausdruck, um sich verwirklichen zu können.

Diese Ein- bzw. Zuordnung der Sexualität erlegt jedem Paar sexuelle Leidenschaft als Pflicht auf, und zwar für die komplette Dauer seiner Beziehung. Diesem Beziehungsideal werden die meisten Paare nicht gerecht und trennen sich voneinander, oder sie resignieren und gehen enttäuscht immer mehr auf Abstand, so daß das sexuelle Verlangen verkümmert.



Zwangsbeglückung

In unserer hochentwickelten, marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaft gibt es alles im Überfluß. Einschränkungen und Verzicht - auch der Verzicht, sexuelle Wünsche auszuleben - sind unpassend. Im Zuge dieser Entwicklung verändert sich die Relation zwischen Bedürfnissen und Befriedigungs- möglichkeiten. Es gibt keinen Mangel an Befriedigungsmöglichkeiten, sondern einen Mangel an Bedürfnissen. Diese gehen immer weniger mit den auf Wachstum und Multioptionalität basierenden wirtschaftlichen Interessen konform. Wir sind also gezwungen, unsere Bedürfnisse zu steigern, das Überangebot an Produkten zu vernichten, damit neue auf den Markt geworfen werden können. Auf diese Weise wird der Mensch zum Bedürfniswesen, das sich den ökonomischen Gesetzmäßigkeiten unterwirft und nicht mehr um das tägliche Brot, sondern um den täglichen Hunger beten muß.

In diesem Zwangskonsum-Klima verkommt auch die Sexualität immer mehr zur Konsum- und Erlebnisware, die uns regelrecht überflutet und überfordert. Allein in den USA wurden 1996 mehr als acht Milliarden Dollar für einschlägige Videos, Peepshows, Live-Aufführungen und Kabelprogramme ausgegeben. Das übertrifft die Einnahmen der gesamten Hollywood-Filmproduktion. Sextourismus in die Dritte Welt sowie Prostitution werden zu Dumpingpreisen angeboten. Raoul Vaneigem erklärt in seinem „Buch der Lüste“: „Früher stürzte man sich in die Vergnügungen wie in einen hoffnungslosen Kampf. Jetzt hingegen stürzen sich die Vergnügungen auf uns.“ Viele sind dieser sexuellen Zwangsbeglückung erlegen und in die Sucht abgeglitten. Andere haben sich ihr verweigert, denn ihre Wünsche konnten mit dem Überangebot an Befriedigungsmitteln einfach nicht mehr mithalten. Sie sind sexuell überfüttert - lustlos.



Zwangsbeschränkung

Damit meine ich eine Einstellung, die die Sexualität in ein eher negatives Licht rückt und sie als notwendiges Übel betrachet, das man - wenn überhaupt - möglichst schnell und unspektakulär hinter sich bringen bzw. über sich ergehen lassen sollte.

Die Kirche hat sich im Laufe der Jahrhunderte um die Förderung dieser Einstellung äußerst „verdient“ gemacht, indem sie eine strenge Grenze zwischen Körper und Seele zog und die sexuelle Freude als Feind des geistlichen Lebens brandmarkte. Bereits kurz nach der apostolischen Zeit behauptete man, daß körperliche Freuden schlecht seien. Der Geschlechtsverkehr habe sich auf die Zeugung neuen Lebens zu beschränken. Wahrscheinlich hat kaum jemand mehr dazu beigetragen, solche Lehren in der Kirche zu verbreiten, als Augustinus. In seiner Schrift „De civitate Dei“ – Vom Gottesstaat – schreibt er, daß die eheliche Kinderzeugung „zwar von Natur durchaus schicklich ist, aber Hand in Hand geht mit einem andern, dessen man sich schämt“, dem Geschlechtsverkehr. Sogar in der Ehe bewertete er diesen als eine läßliche, das heißt entschuldbare Sünde.

Viele Theologen gingen noch weiter als Augustinus. Einige wiesen Eheleute warnend darauf hin, daß der Heilige Geist immer dann das Schlafzimmer verlasse, wenn sie Geschlechtsverkehr hätten. Yves von Chartres riet den Frommen sogar, sich zu enthalten: am Donnerstag in Erinnerung an die Gefangenschaft Christi, am Freitag in Erinnerung an seine Kreuzigung, am Samstag zu Ehren der Jungfrau Maria, am Sonntag zum Gedenken der Auferstehung Christi und am Montag aus Respekt vor den Seelen der Verstorbenen.

Die Reformatoren akzeptierten die menschliche Sexualität weit mehr, waren aber um die Begierde in einer gefallenen Welt besorgt und verlangten deshalb sexuelle Zurückhaltung, sowohl innerhalb wie außerhalb der Ehe; ähnlich der Pietismus.

Wer sich von diesem Denken leiten läßt, dem fällt es schwer, der Sexualität etwas Positives abzugewinnen, geschweige denn, sie als Geschenk Gottes und als wesentlichen Bestandteil des Ehelebens anzunehmen und zu gestalten. Ein Beispiel: Eine ältere Frau äußerte sich im Gespräch mit ihrem erwachsenen Enkel erstaunt über dessen unbekümmerten Umgang mit seiner Sexualität. Er hatte ihr erzählt, daß er und seine Frau öfter ein gemeinsames Bad nähmen, sich nackt sonnten usw. Darauf die schockierte Großmutter: „Mein Mann hat mich noch niemals nackt gesehen.“ Als der Enkel fragte, wie denn ihre vier Kinder zustande gekommen seien, antwortete sie: „Immer im Dunkeln, und das Nachthemd blieb an. Und wir haben’s nur gemacht, wenn wir ein Kind haben wollten. Ansonsten schickte es sich nicht.“

Viele, die ihre sexuellen Bedürfnisse - ob geistlich oder anders motiviert - zwanghaft beschränken, das heißt: sich nicht erlauben, sie mit ihrem Partner zu leben und dadurch unbefriedigt bleiben, verlegen sich auf Ersatzhandlungen: sexuelle Phantasien, Selbstbefriedigung, zotige Sprache oder was auch immer. Derartige Praktiken sind auch in christlichen Kreisen weit verbreitet.



Sexualisierte Phantasie (Wahrnehmung)

Anreger unserer sexuellen Phantasie begegnen uns auf Schritt und Tritt: am Kiosk, an der Litfaßsäule, im Fernsehen. Die Medien tun alles, um uns zwangszubeglücken. Sie liefern uns die Ware Sexualität frei Haus. Nur hat diese Scheinwelt mit dem realen Sexualleben der meisten Frauen und Männer nichts zu tun. Sie führt uns Paare mit formvollendeten Körpern vor, die jederzeit zur Kopulation in den gewagtesten Stellungen freudig bereit sind. Wer sich diese Scheinwelt kritik- und einschränkungslos zu eigen macht, ist über kurz oder lang in seinen Gedanken, Phantasien und Strebungen auf sie fixiert. Er hält ein solches Sexualverhalten für normal und verliert allmählich den Kontakt zu sich selbst und zu seinem Partner.

Viele Männer konsumieren pornographische Magazine oder Filme als Appetitanreger, die ihrer Phantasie, aber nicht ihrer Liebesfähigkeit gelten. Nach dem Konsum solcher Erzeugnisse sind sie dermaßen erotisiert, daß sie über ihre Partnerin regelrecht herfallen. Die meisten Ehefrauen sind jedoch nur begrenzt zur sexuellen Vereinigung bereit; und viele ziehen sich zurück, wenn sie spüren, daß ihr Mann sie zum Objekt seiner Begierde degradieren will.

Eine sexualisierte Phantasie tötet auf Dauer jegliche Intimität und damit auch jegliche sexuelle Lust, weil sie die Sexualität von der konkreten Beziehung separiert. Sie degradiert sie zur bloßen Triebbefriedigung, die ständig neue und wie auch immer geartete Anregungen braucht. Nicht wenige Männer sind auf diesem Irrweg impotent geworden, weil sie mit ihrer konkreten Leistungsfähigkeit hinter ihrer eigenen sexuellen Phantasie zurückblieben. Auf gesund empfindende Frauen wirkt diese sexuelle Fixierung befremdend.



Machtkampf

Im Zusammenleben der Geschlechter herrscht keineswegs immer nur Eintracht und Harmonie, sondern es tun sich im Laufe der Zeit unzählige Reibungspunkte auf. Wenn Mann und Frau ihre kleineren oder größeren Alltagskonflikte nicht offen austragen und gemeinsam lösen, erwachsen daraus unter Umständen handfeste, lang andauernde, zermürbende Machtkämpfe. Die spielen selbstverständlich auch in die Sexualität hinein, genauer gesagt: die Sexualität wird im Machtkampf als Waffe eingesetzt. Ich habe den Eindruck, daß der Mann dabei in der schwächeren Position ist, denn in unserer Kultur ist es überwiegend so, daß er eher begehrt und die Frau eher gewährt. Somit hat sie es in der Hand, ob sexuell etwas läuft oder nicht. Mit dieser Überlegenheit trifft sie nicht nur ihren Mann, sondern schadet sich auch selbst, weil sie das sexuelle Miteinander und darüber hinaus die Beziehung insgesamt gefährdet.

Machtkämpfe laufen allerdings nicht nur bewußt ab; dann wäre es uns möglich, sie jederzeit zu beenden und uns zu versöhnen. Unbewußt ausgetragen, entwickeln sie eine unberechenbare und damit hochexplosive Dynamik. Ein Beispiel: Hanna ist fünfundzwanzig Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder. Seit der Geburt ihres zweiten Kindes vor gut einem halben Jahr hat sie mit ihrem Mann nicht mehr geschlafen, weil sie sich vor seinem Körper, besonders vor seinem Penis ekelt. Außerdem hat sie seit geraumer Zeit schuppige, aufgesprungene Handinnenflächen, die trotz intensiver Behandlung mit den verschiedensten Salben nicht heilen. Hanna erzählt: "Mein Mann ist sehr dominant. Er ist mir vor allen Dingen sprachlich total überlegen und setzt mit der Macht seiner Worte ständig seinen Willen durch. Wenn die Kinder und ich nicht nach seiner Pfeife tanzen, wird er wütend und schreit ’rum. Ich wünsche mir, daß er endlich mal auf mich eingeht, daß er merkt, wie kaputt ich bin und mich wenigstens am Wochenende entlastet. Statt dessen zieht er sich in sein Zimmer zurück und läßt mich mit den Kindern und der Hausarbeit allein. Obendrein erwartet er von mir, daß ich auch noch nett zu ihm und im Bett allzeit bereit bin. Oft habe ich das Gefühl, daß er mich ganz schön hängen läßt. Das ist unfair."

Hanna liebt die leisen Töne. Lautstarke Auseinandersetzungen sind ihr zuwider. Wie kann sie sich dann gegen einen Mann behaupten, der es gewohnt ist, seine Interessen wortgewandt und lautstark durchzusetzen? Sie wehrt sich - unbewußt, aber gleichzeitig äußerst wirkungsvoll – mit Ekel und Hautausschlag. Dagegen ist ihr ansonsten so starker Mann machtlos.

Wie sich dieser unbewußt geführte Machtkampf auf das Miteinander der Ehepartner ausgewirkt hat, ist naheliegend: Beide waren tief verletzt und hatten das Gefühl, daß der andere ihn nicht versteht und sich weigert, ihm zu geben, was er braucht. Erst als ihnen bewußt wurde, welches unselige Spiel sie gegeneinander spielten, konnten sie ihre Konflikte konstruktiv angehen, ihren Machtkampf beenden und die Harmonie - auch die sexuelle - wiederherstellen.



Versagensangst

Die Angst zu versagen ist ebenfalls ein Lusthemmer. Oft steht die konkrete Erfahrung dahinter, schon einmal versagt zu haben. Viele sind unfähig, sich von ihrem Partner stimulieren und erregen zu lassen. Andere können keinen Orgasmus erleben. Das ist vor allen Dingen bei Frauen der Fall. Bei Männern kommt es häufig zu Erektionsstörungen. Oder sie haben Angst vor einem vorzeitigen Samenerguß. Verbreitet fürchten Frauen und Männer, sie seien zu unattraktiv oder unerfahren, um ihrem Partner Lust zu bereiten und ihn sexuell zu befriedigen.

Jeder, der mit Angst in eine sexuelle Begegnung hineingeht, blockiert sich selbst. Unser Nervensystem ist so beschaffen, daß wir Angst und angenehme sexuelle Erregung nicht gleichzeitig empfinden können. Beide Reaktionen schließen einander aus. Je mehr wir fürchten zu versagen, desto wahrscheinlicher werden wir versagen. Und je öfter wir versagen, desto größer werden unsere Ängste; eine Spirale, die nach unten führt und die Lust gänzlich zum Erliegen bringen kann.



Zeitmangel

Zahlreiche Menschen klagen darüber, daß sie beruflich und anderweitig dermaßen eingespannt sind, daß ihnen für das Ehe- und Familienleben kaum noch Zeit bleibt. Kein Wunder, daß sich auf diese Weise Ehepartner, die sich sehr nah waren, allmählich entfremden.

Diese Entwicklung, die sich meist schleichend vollzieht und von niemandem bewußt eingefädelt wird, tritt oft erst zutage, wenn sich ernsthafte Krisensymptome einstellen, zum Beispiel ein abnehmendes Interesse an der sexuellen Begegnung, die, wenn überhaupt, im Schnelldurchgang als Pflichtprogramm absolviert wird. Mir fällt in diesem Zusammenhang der Vergleich mit McDonald’s ein. Man nimmt sein Essen im Vorbeifahren in Empfang und zwingt es nebenbei während der Fahrt hinunter. Ständiger Konsum von Fastfood degradiert Essen zur bloßen Nahrungsaufnahme, sexuelle Gemeinschaft im Schnelldurchgang schläfert die Lust ein.

Es wären noch etliche Lusthemmer anzuführen: z. B. der Zwang, es dem anderen immer recht machen zu wollen, unterschiedliche Bedürfnisse von Mann und Frau, die nicht ausgesprochen werden, traumatische Kindheitserfahrungen usw.

Es tut uns gut, wenn wir offen und ehrlich miteinander umgehen und daran arbeiten, daß es erst gar nicht zu gravierenden Fehlentwicklungen kommt. Es tut uns gut, wenn einer am Leben des anderen Anteil nimmt, wenn wir als Mann und Frau miteinander leben, anstatt neben- oder sogar gegeneinander.



3. Lustförderer

Zu sich selbst stehen

Wenn es wahr ist, daß Gott uns männlich und weiblich, somit als sexuelle Wesen geschaffen hat, dann gehört sexuelles Begehren genauso zu uns wie Hunger und Durst. Deshalb brauchen wir es nicht mit dem Makel der Sünde zu belasten oder als notwendiges Übel abzutun, sondern dürfen es gemeinsam mit unserem Partner genießen. Damit nehmen wir unsere schöpfungsgemäße Zuordnung und Bestimmung an und ehren unseren Schöpfer.

In einer Talkshow ging es darum, wie sich Ehepaare über ihre sexuellen Bedürfnisse verständigen. Eine Frau erzählte: „Ich habe einen Kiosk - und von daher ein sehr angebundenes Leben. Mein Mann ist Fernfahrer und nur wenig daheim. Damit jeder genügend Ruhe findet, haben wir getrennte Schlafzimmer. So entstand die Frage, wie wir uns verständigen, wenn einer noch etwas vom anderen will. Wir haben folgende Absprache getroffen: Wenn mein Mann etwas von mir will, pfeift er, und wenn ich etwas von ihm will, gehe ich zu ihm und frage: ‘Schatz, hast du gepfiffen?’“

Diese Frau bekannte sich offen dazu, selbst sexuelle Bedürfnisse zu haben und dementsprechend auch die Initiative zu ergreifen. Und sie gab ihrem Mann die Möglichkeit, seine Bedürfnisse kundzutun. Über die Art und Weise kann man zweifellos geteilter Meinung sein. Aber diese Frau war damit einverstanden und machte gute Erfahrungen.

Mann und Frau können vereinbaren, daß jeder seine sexuellen Bedürfnisse äußern darf und sicher sein kann, daß der andere sie achtet - selbst wenn er sie nicht immer erfüllt. Den anderen zu begehren ist positiv, ein Zeichen von Interesse und Zuneigung.



Geborgenheit

Geborgenheit empfinden zwei Menschen, die voneinander wissen, daß der andere es gut mit ihm meint und darauf schaut, was für beide gut ist; der den Partner abschirmen möchte vor allem, was ihm schaden könnte. Geborgenheit ist, wenn er zu ihm steht auch in den Zeiten, in denen das gemeinsame Leben von Sorgen, Problemen und Konflikten überschattet ist.

Ich persönlich verknüpfe mit Geborgenheit das Gefühl von gut aufgehoben sein, echt sein, vertrauen können, zu Hause sein bei dem anderen. Ich bin bei meiner Frau zu Hause. Sie ist mein Zuhause.



Als Paar leben

Karin und Klaus führen separate Terminkalender. Beide sind immer ausgebucht. Gemeinsame Termine gibt es eher selten - angeblich aus Nachlässigkeit, nicht absichtlich. Diese beiden sind keine Ausnahmen. Es kommt öfter vor, daß jeder Ehepartner seine eigenen Wege geht. Viele andere Dinge - Kinder, Beruf, Hobbys - sind wichtiger als der Partner. Daß man sich auf diese Weise zunehmend entfremdet, liegt auf der Hand. Deshalb: Leben Sie als Paar! Wenn Sie stark beschäftigt und vielseitig interessiert sind, reservieren Sie sich Zeiten, in denen Sie ausschließlich mit Ihrer Frau / Ihrem Mann zusammen sind, miteinander reden und etwas Schönes unternehmen. Es ist wichtig, daß sich Ihre Frau / Ihr Mann bei Ihnen einfindet, daß sie / er sich bei Ihnen fallenlassen kann. In dem Maße, wie Sie einander das Gefühl vermitteln, der andere ist mir lieb und wertvoll, bleibt Ihnen auch die sexuelle Harmonie erhalten.



Überhöhte Erwartungen aufgeben

Dauer und unverminderte Leidenschaft schließen einander aus. Wer davon ausgeht, daß die sexuelle Begegnung nach etlichen Ehejahren ähnlich leidenschaftlich sein muß wie am Anfang, kann sich selbst und seinen Partner nur enttäuschen. Sexualforscher haben festgestellt, daß sich bei den meisten Paaren die Leidenschaft schon nach wenigen Wochen gelegt hat und sich so etwas wie erotische Routine einzuschleichen beginnt.

Unabhängig davon ist jede dauerhafte Beziehung Schwankungen unterworfen. Mal sind sich zwei Menschen näher, mal mehr auf Abstand, und das schlägt sich jeweils auch in ihrem Sexualleben nieder.



Machtkämpfe vermeiden

Wie verheerend sich Machtkämpfe auswirken können, egal ob sie den Beteiligten bewußt sind oder nicht, habe ich am Beispiel von Hanna und ihrem Mann beschrieben. Sie hinterlassen meist nur Verlierer, denn sie zerstören die gemeinsame Liebesbasis. Wer Machtkämpfe vermeiden möchte, sollte sich um Gleichwertigkeit bemühen, darum, daß das Ich und das Du, die Achtung des Ehepartners und die Selbstachtung gleich-gewichtig nebeneinander stehen. Damit bewegen wir uns in dem Beziehungsrahmen, den auch die Bibel empfiehlt: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" (4. Mose 19, 18; Mt 19, 19). Nächstenliebe und Selbstliebe sind gleich-gewichtig. Im Bild: Meine Frau und ich sind wie zwei Schalen einer Waage. Solange sie auf einer Höhe stehen, solange sie gleich gewichtig sind, braucht keiner Angst zu haben, daß er zu kurz kommt. Wir können dann ruhig und entspannt miteinander reden, weil einer den anderen ernst nimmt. Wir können unsere Bedürfnisse äußern, weil einer dem anderen wichtig ist. Wir können Entscheidungen treffen, die von beiden gleichermaßen getragen werden. Wir können Konflikte austragen, ohne daß sie in unüberbrückbaren Widersprüchen enden. Kurz: wir können unser Leben gemeinsam gestalten und uns – nicht zuletzt auch an unserem sexuellen Miteinander – freuen.



Einander vergeben und neu anfangen

Es ist normal, daß wir es unserem Partner trotz allen guten Willens nicht immer recht machen können und aneinander schuldig werden. Sich dann in einen Schmollwinkel zurückzuziehen ist zwar die naheliegendste, aber auch die problematischste Reaktion; denn sie verhindert, daß man wieder zueinander findet. Vergebung ist die wichtigste Voraussetzung für die Erhaltung bzw. Erneuerung des ehelichen und damit auch des sexuellen Miteinanders. Der Schriftsteller Manfred Hausmann schrieb: „Liebende leben von der Vergebung. Wer nicht vergeben kann, darf nicht heiraten.“ Vergebung befreit von Mißverständnissen, von Kränkungen und Verletzungen.

Zur Vergebung gehört das Eingeständnis, daß wir schuldig geworden sind. Dies fällt jedem von uns schwer. Meistens suchen wir die Schuld beim anderen. Den eigenen Anteil sehen wir kaum. „Die einzige Möglichkeit“, so schreibt der Schriftsteller Siegfried Lenz, „der Schuld zu begegnen, liegt darin, sie anzuerkennen, sie zu übernehmen. Wir haben keine Wahl, als bestehende Schuld zu unserer eigenen Schuld zu machen; dann erst kann sie uns ändern.“ Solche Schuldbekenntnisse wirken befreiend, wie eine Erlösung, auf die der andere mitunter sehnlichst gewartet hat. Nun kann sich der Krampf lösen. Beziehungen, die unterbrochen oder bereits abgestorben waren, können wieder lebendig werden.

Die andere Seite der Vergebung ist das Verzeihen. Ich entschulde den anderen und verzichte auf Vergeltung oder Rache. Meinem Partner wende ich mich erneut zu und nehme das gemeinsame Leben mit allem, was dazugehört, wieder auf. Je nachdem, was vorgefallen ist, kostet das eine Menge Kraft; und es braucht Zeit, Heilungszeit. Aber wir gewinnen auch viel zurück: Vertrauen, Interesse, Liebe, Geborgenheit, all das, was nötig ist, damit auch das sexuelle Miteinander wieder schön und für beide Partner befriedigend wird.

„Wenn die Lust schlafen geht“ heißt unser Thema. Auf eine kurze Formel gebracht, bedeutet das: Beziehung auf allen Ebenen zu leben hält das Interesse füreinander und damit auch die sexuelle Lust aneinander wach. Getrennte Wege zu gehen - ob aus Gleichgültigkeit oder im Streit - schläfert sie ein. Und wenn die Lust einmal eingeschlafen ist, wird es äußerst mühevoll, sie erneut zu wecken. Deshalb empfehle ich Ihnen, daß Sie Ihrer Frau / Ihrem Mann Wertschätzung, Aufmerksamkeit, Zeit und sich selbst schenken als Beweis ihrer Liebe.



[ 1 ] Der Autor, Karl-Heinz Espey, Pastor, Generalsekretär des Weißen Kreuzes in Deutschland.

Dieser Artikel ist mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift "Weisses Kreuz" Zeitschrift für Lebensfragen entnommen. Sie können gerne diese Zeitschrift auf Spendenbasis abonnieren.



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Ins Netz gesetzt am 12.06.2002; letzte Änderung: 16.02.2012

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